Kleiner Ausschnitt aus "Lebendigkeit - eine erotische Ökologie"


Guten Morgen!

Heute möchte ich einen kleinen Ausschnitt aus dem Buch, das ich gerade lese und das mich sehr berührt und erschüttert, als Audio mit euch teilen.

[Inhaltshinweis: Es geht u.a. um die Beschreibung von Naturgewalten/Tod.]

Lebendigkeit - Eine erotische Ökologie.wav

Hier gibt es zeitnah auch noch die Zeilen zum (mit)lesen.

Von Herzen
Eure Janne

"Die Botschaft der erotischen Ökologie lautet eben nicht, Leben bestehe eigentlich in Kooperation Existieren sei eigentlich ekstatisch und gesund, der Tod lediglich eine Illusion. Symbiose statt Konkurrenz! Nein. Symbiose und unsere Sehnsucht nach ihr sind real - aber Verdrängung und Gewalt sind es nicht minder. Lebendigkeit ist eine reale Macht in diesem Universum. Der Tod ebenfalls." ("Lebendigkeit - Eine erotische Ökologie", Andreas Weber)

Textauszug der Audiodatei:

"Auf dem Rückweg schaute ich an der Stelle, an der ich das Insekt dem Erdboden anvertraut hatte, beiläufig wieder nach unten. Ein Gezappel auf dem Waldboden hatte aus dem Augenwinkel meinen Blick angezogen. Und da war sie wieder, die kleine Heuschrecke. Aber alles war anders. Das Tier war in wildester Aufregung, sein Körper verdreht und verbogen. Zuckend wandte es seine haardünnen Glieder. Ich wollte für einen atemlosen Augenblick meinen Blicken nicht trauen. Dann erfasste ich die ganze Misere.

Das Babyheupferd steckte in den Beißscheren einer großen, schwarzen Waldameise. Ein Sprungbein war schon abgetrennt, der Hinterleib zerquetscht, Das Wesen noch lebendig, aber doch schon dem sicheren Untergang geweiht. Aus der singende Sommer, vorbei das leuchtende Grün, Verloschen die Farben, Gott nie geboren. Mit den schwächer werdenden Zuckungen der dahinscheidenden Heuschrecke schien das Licht aus der Welt zu sickern. Obwohl noch Tag war, wirkte jede Farbe mit Schwärze getränkt. Es war etwas, das ich noch nie wahrgenommen hatte: Lebensfinsternis.

Aber wer war wirklich dabei zu sterben? Das Heufohlen? Oder war es in Wahrheit mein eigener Tod, dessen Zeuge ich wurde? Ich, der gerade noch so trunken vor Lichtglück und Zärtlichkeit gewesen war. So wie es doch auch mein eigenes Leben gewesen war, das höher in mir geschlagen hatte, als das Leuchten der jungen Blätter durch den kleinen Körper mit den zerbrechlichen Mundwerkzeugen und den schwarzen Knopfaugen bis in meinen eigenen Leib hinaufgestiegen war. Und überhaupt, schoss es mir unter Schmerzen durch die Seele, so durchbohrt von der schwindenden Sonne, so sehr ein Lichtpunkt unter anderen verlöschenden Lichtpunkten auf diesen unwandelbaren Hügeln: Wer war eigentlich "ich"?

Ich hatte keine Antwort.

Ich war sprachlos und traurig Und doch zugleich auch auf eine seltsame, heitere Weise resigniert.

So wie die Lebensenergie der Sonne, durch die Körper der Pflanzen geleitet, uns mit der Nahrungsenergie, die sie mitbringt, durch unser Leben trägt und so ganz von unserer Art ist -wärmend, liebend -, begrüßte etwas in mir den Tod, wie er mir in diesem Heuschreckchen begegnete. Der Tod war hier, in mir, so wie eben noch, so wie auch immer noch jetzt, das Leben hier gewesen war und hier blieb. Und dieses Sterben enthielt nicht nur etwas Düsteres. Die transparente Beweglichkeit der Eichenschrecke enthüllte sich ebenso als eine Facette dieser Berge wie ihr Verzehrtwerden, das auf dieses Glück nur minutenkurz gefolgt war. Wie der Umstand, dass sie längst begonnen hatte, als Teil eines anderen Körpers und einer anderen Art von Lebewesen erneut lebendig zu sein, indem sie ihm als Nahrung diente.

Ich hatte das intensive Gefühl, dass ich genau wie das Tier aus den Blättern und aus dem Leuchten geboren sei und mich dorthin wieder zurück verirren würde. Ich war nicht davon verschieden; nicht vom Heuferd und nicht vom Abend in diesen Bergen. Das tansparente Wesen, durch das ich hindurchsehen konnte wie durch eine Kristallkugel, war eine Maske des Ganzen, das ich nur in ihr, nur in dieser Individuation erkennen konnte. Ich sah, dass dieses Ganze Grauen und Glück in Fülle einschloss.

Der Schock hielt nur einen Moment. Dann schritt ich weiter, zielstrebig, von tausend Dingen abgelenkt, eingespannt In ein geschäftiges Leben.

[...]

Das Universum ist nicht bloß zärtlich. Es ist ebenso tödlich wie es zärtlich ist. Und zärtlich kann es nur sein, weil es tödlich ist. Zärtlich kann es nur sein, indem sich diese Zärtlichkeit beständig gegen den Tod zur Wehr setzt. Das ist die Botschaft der erotischen Ökologie, die sie dem Darwinismus, dem Liberalismus und all den herrschenden Verzweckungsideologien entgegensetzt, all den Ideologien der Effizienz, des Zweikampfes, des Krieges Als Vater aller Dinge.

Aber auch wenn es schwerfällt: Die Botschaft der erotischen Ökologie lautet eben nicht, Leben bestehe eigentlich in Kooperation, existieren sei eigentlich ekstatisch und gesund, Der Tod lediglich eine Illusion. Symbiose statt Konkurrenz! Nein. Symbiose und unsere Sehnsucht nach ihr sind real - aber Verdrängung und Gewalt sind es nicht minder. Lebendigkeit ist eine reale Macht In diesem Universum. Der Tod ebenfalls. Licht und Finsternis - es geht ohne keines, wenn etwas erschaffen werden soll.

Folglich macht sich nur der selbst lebendig, der beides zu sehen in der Lage ist. Der lernt, dass beides nur miteinander existieren kann. Und dass in der Entscheidung, wie die Mischung aussehen soll, nicht das hedonistische Vergnügen des Augenblicks regieren darf, nicht der Wunsch nach möglichst wenig Unannehmlichkeiten, nicht die Angst, die eigene Komfortzone zu verlassen, sondern allein das Ziel. Das Ziel, das heißen sollte, die Möglichkeit zu mehr Sehnsucht nach Sein zu erhöhen, die Freiheitsgrade zu mehren, die Lebendigkeit zu lieben. Genau das - und nicht die Faktenbulimie der Schulen - müsste der eigentliche Lernprozess unserer Jugend- und frühen Erwachsenenjahre beinhalten, aber das haben wir vergessen."



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