Putin als Projektionsfläche

Ein Gruß vom sonnengefluteten Schreibtisch!

„Auch im Krieg erzählen beide Seiten Geschichten: Schuld zuweisende. Für den Frieden brauchen wir andere Geschichten.“ (aus „Wolfs Blog fürs Wesentliche“)

Nachdem auch ich mich – als Mensch und auch als Frau – in den letzten Tagen immer wieder ertappt habe, Putin als hervorragende Projektionsfläche für meine Aggressionen und Wut auf das, was alles „schief läuft“ in der Welt, heranzuziehen, wird mein Blick darauf nun nach und nach etwas weicher und differenzierter. Es ist schön, das wahrzunehmen. Mal gelingt mir die Vogelperspektive besser, mal schlechter – aber ich sehe das ganz klar als meinen Teil der Verantwortung, den ich gerne zu mir nehme. Pauschal „Schuld zuweisen“ ist viel zu einfach und führt sicher nicht zu mehr Vertrauen und wohlwollendem Miteinander.

Ich mag noch einen kleinen Auszug aus „Wolfs Blog fürs Wesentliche“ teilen, ein meinem Empfinden nach höchst gesellschaftskritischer, auch selbsthinterfragender und viele Schichten einbeziehender Blog. Ich kann nicht bei allem mitgehen, finde einige Haltungen oder Verweise irritierend, und, definitiv: Ich finde dort immer viele spannende Themen und Anregungen, mein eigenes begrenztes Blickfeld zu erweitern.

„Am 24. Februar hat Russland die Ukraine angegriffen, es »ist wieder Krieg«. Ein historischer Moment, heißt es in den Medien. Europa habe die Friedensbereitschaft von Putin unterschätzt, es könne zu einem Atomkrieg kommen, einem Weltkrieg. Wer jetzt noch für Deeskalation in den Ring steigt, wird als Weichei beschimpft und als Putin-Versteher. So viel Selbstgerechtigkeit in den Leitmedien, mich gruselt dabei.

Heute ist mehr Bedauern über das Ende des Friedens zu hören, aber die Schuldzuweisungen an den Gegner, die sind so wie immer im Krieg. Die eigene Seite ist die gute, unser Vertrauen wurde gebrochen, »wir waren naiv«. Der Gegner ist der Böse, seine Bosheit haben wir unterschätzt. Wer jetzt Putin nicht mit Schimpfworten überhäuft und ihn nicht als DEN Verursacher das aktuellen Unheils anklagt, wird selbst mit Schimpfworten überhäuft. Hilft das dem Frieden? Ganz sicher nicht.

Um wieder einmal den in solchen Fällen typischen Unterstellungen zuvorzukommen: Putin ist auch in meinen Augen ein Übeltäter, Psychopath und mitleidsloser Kriegsverbrecher. Aber er ist nicht der Einzige, der zu dieser Eskalation beigetragen hat. Die Selbstgerechtigkeit der westlichen Medien bei Betrachtung der Vorgeschichte und der Rolle der NATO seit 1989 steht der Selbstgerechtigkeit der russischen Medien kaum nach.“